Texte von Johannes Fröhlich » 

LAUF GABLER, LAUF

ROMANFRAGMENT

Gabler stand am Fenster und schaute auf das rosarote T, das am Dach des vierzehnstöckigen Fernmeldegebäudes gegenüber angebracht war. Die Aprilsonne begann langsam dahinter zu verschwinden, es war bereits später Nachmittag.
„Das Leben ist eine rosarote Sackgasse,“ dachte er. „Alles ist irgendwie rosarot. Nichts Halbes und nichts Ganzes.“
Er war gerade erst aufgestanden, den vorigen Abend hatte er bis in die Puppen bei der Eröffnung eines neuen Szenelokals verbracht. Ein entfernter Bekannter von ihm hatte ihn gefragt, ob er für das Stadtmagazin etwas darüber schreiben könnte. Die Gastronomie war zwar nicht sein Metier, außerdem haßte er solche Events, wie man das heutzutage nannte, doch Gabler hatte zugesagt. Schon um der paar Kröten für das Foto willen, die er dabei verdienen konnte.
In seinem Kopf perlten die Reste zahlreicher Gläser billigen Proseccos nach. Er versuchte sich zu erinnern, wie er nach Hause gekommen war. Es musste zu Fuß gewesen sein, soviel Saab stand abgemeldet auf dem Grundstück eines Gebrauchtwagenhändlers. Der Wagen war Gablers Heiligtum gewesen. Langezeit hatte er dafür gespart, nun konnte er ihn nicht mehr finanzieren. Die Reparaturkosten fraßen sein in letzter Zeit immer spärlicher gewordenes Zeilenhonorar auf.
„Und für das Ding wollen Sie noch Geld haben?“ hatte der Typ mit seinen graumelierten Schläfen ihn gefragt.
Wenn er länger als drei Monate steht, kann ich ihn gleich verschenken, rechnete Gabler nach.
„Gebrauchtwagenverkaufsprovision,“ hallte es ihm noch in den Ohren. Welch widerliches Wort im Zusammenhang mit einem Gegenstand, der einem am Herzen lag.

Die Eröffnung war ein voller Erfolg gewesen. Die mehr oder minder illustre Schar von Gästen, eine Mischung aus geladenen Freunden des Wirtes und zu späterer Stunde auftauchenden nicht geladenen Gesichtern, denen man ständig begegnete, wenn es etwas umsonst gab, war voll des Lobes über das einfallsreiche Ambiente: Das gesamte Mobiliar, bestand aus hundseinfachen Tischen und Stühlen aus Holz, die mit knallrotem Kunstleder überzogen waren; als Beleuchtung fungierten einige gelbe Neonröhren an der Decke,
 
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